JÜDISCH-POLITISCHES LEHRHAUS


„Eigentum verpflichtet“ in der jüdischen Wirtschafts- und Sozialethik
 
Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt a. M., Peter Feldmann, Rabbinerin Elisa Klapheck und Rechtsanwalt Abraham de Wolf.
Das Grußwort hält Prof. Dr. Christian Wiese (Goethe-Universität)
 
„Eigentum verpflichtet“ – dieser Satz bringt die jüdische Wirtschafts- und Sozialethik auf den Punkt. Er wurde von Hugo Sinzheimer, dem Frankfurter SPD-Politiker und Vater des deutschen Arbeitsrechts, in die Weimarer Verfassung eingebracht und später ins Grundgesetz übernommen. Was bedeutet er im Lichte der jüdischen Tradition sowie heutigen Vorstellungen von Wirtschaftsgerechtigkeit?
 
Dienstag, 22. August
19-21 Uhr
Campus Westend
Casino, Trude Simonsohn-Saal
Frankfurt a. M.

Anmeldung bis 18. August bei protokoll@stadt-frankfurt.de


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Auftaktveranstaltung am 8. März 2017
im Frankfurter Stadthaus
mit Elisa Klapheck, Micha Brumlik und Hauke Brunkhorst
"Die politische Tradition des Judentums"


Jüdische Allgemeine, 16. März 2017

Streiten wie die alten Rabbinen
Das neue Lehrhaus befasste sich mit weltlichem und religiösem Recht
von Barbara Goldberg


Gut besucht: Auftaktveranstaltung des neu gegründeten
Jüdischen Lehrhauses mit Rabbinerin Elisa Klapheck
und Hauke Brunkhorst                    Foto Rafael Herlich



Streitlust ist in Frankfurt beste Tradition.« Mit diesen Worten begrüßte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) am vergangenen Mittwochabend die Zuhörer zur Auftaktveranstaltung des neu gegründeten »Jüdisch-Politischen Lehrhauses«, für das er die Schirmherrschaft übernommen hat. 

Unter diesem programmatischen Titel soll es in Zukunft regelmäßig Veranstaltungen mit Vorträgen und Diskussionen geben, die sich mit der Bedeutung religiöser und politischer Diskurse im Judentum und ihrer Ausstrahlung auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen befassen. »Mein Wunsch ist es, mit dieser Reihe den Anteil der jüdisch-politischen Tradition an der europäischen Geschichte sichtbar zu machen«, betonte Rabbinerin Elisa Klapheck aus Frankfurt, die Initiatorin und Mitgründerin des Lehrhauses. Viele Zuhörer waren zur Eröffnungsveranstaltung gekommen. 

Natürlich denkt man bei diesem Titel sofort an das berühmte, von Franz Rosenzweig im frühen 20. Jahrhundert ebenfalls in Frankfurt ins Leben gerufene »Jüdische Lehrhaus«, doch möchte Elisa Klapheck mit diesem Format vor allem auch an die vor mehr als 2000 Jahren entstandene rabbinische Kultur der Schriftauslegung und Debatte, wie sie der Talmud überliefert, anknüpfen.

SPANNUNGSVERHÄLTNIS

Im Kern ging es an diesem ersten Abend um das Spannungsverhältnis zwischen religiösem und säkularem Recht. So wies Hauke Brunkhorst, Direktor des Instituts für Soziologie an der Uni Flensburg, auf die Doppelgesichtigkeit der Religion in Bezug auf Macht und Herrschaft hin. 

Zum einen habe sie historisch häufig dazu gedient, den Anspruch auf Herrschaft und die daraus resultierende Unterdrückung und Ungleichheit der Bevölkerung zu legitimieren – man denke nur an das »Gottesgnadentum«, das frühere Monarchen in Europa für sich reklamierten. Gleichzeitig wohne jeder Religion auch ein utopisches Moment inne, die Vision einer geheilten und befreiten Welt. »Um das Reich Gottes Wirklichkeit werden zu lassen, muss die Knechtschaft der Regierungen besiegt werden.«

Mit dem Bund, den das Volk Israel mit Gott am Sinai schloss, wurde die Gleichsetzung von Herrschaft und Heil aufgelöst. Denn fortan sahen sich die Juden einzig Gott und den von ihm erlassenen Geboten verpflichtet. 

BUNDESSCHLUSS

Damit war eine universalistische Gegenposition zum konventionellen Gehorsam gegenüber jedweder willkürlichen, weltlichen Macht bezogen. Dieses Konzept, wie es sich im Bundesschluss zwischen Israel und Gott abzeichnet, hat – wie Klapheck betonte – viele Verfassungstheoretiker und Rechtsphilosophen seit der Aufklärung inspiriert und war »bei allen demokratischen Schüben in der Geschichte Europas wirksam«. 

Auch sei das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, wie es mit dem Bund begründet werde, nicht statisch, sondern spannungsreich: »Um die eigene Position immer wieder neu zu bestimmen, tritt der Mensch in eine Auseinandersetzung mit Gott«, erklärte Klapheck. »Der Bund mit Gott besteht also in sich ständig wandelnder Form weiter, entwickelt und verändert sich.« Schon die Rabbinen hätten versucht, »in der Tora, je nach aktueller gesellschaftlicher Situation, neue Aspekte zu entdecken, die sie mit wachsendem Selbstbewusstsein mitunter sogar gegen Gott durchzusetzen versuchten.«
Ein Spannungsverhältnis besteht aber nicht nur zwischen Mensch und Gott, sondern auch zwischen göttlichem und säkularem Gesetz. So heißt es im Babylonischen Talmud: »Das Gesetz der Regierung ist das Gesetz« – ein Satz, über den Brunkhorst und Klapheck länger diskutierten. Brunkhorst versuchte es mit einem Vergleich: »Das göttliche Recht ist wie das Grundgesetz, das säkulare Recht wie die jeweiligen Gesetzgebungen der Bundesländer. Das Grundgesetz gibt den Rahmen vor, sein Boden darf nicht verlassen werden.«

 Micha Brumlik, OB Peter Feldmann
                                                                                    Foto Rafael Herlich


BEZIEHUNG

Micha Brumlik, emeritierter Pädagogikprofessor und seit 2013 Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg, war der dritte Gelehrte des Lehrhauses an diesem Abend. Er hatte eine wunderbare Geschichte aus dem Talmud ausgewählt, um die Beziehung zwischen Mensch und Gott zu illustrieren. In einer rabbinischen Debatte um die richtige Auslegung der Halacha bittet Rabbi Elieser um Beistand aus dem Himmel, um beweisen zu können, dass er als Einziger im Recht ist. Und tatsächlich ertönt, nach einer ganzen Reihe von Wundern, eine Hallstimme aus dem Himmel, die seine Sichtweise bestätigt. Und was antworten seine rabbinischen Kontrahenten? »Die Tora ist nicht mehr im Himmel. Sie ist bereits vom Berge Sinai verliehen worden. Und es steht dort geschrieben, dass nach der Mehrheit entschieden werden soll.«

Nach diesem Satz, so Brumliks Deutung, »kann niemand mehr behaupten, alleiniges Sprachrohr Gottes zu sein. Denn alles, was als göttlicher Wille bezeichnet wird, muss mehrheitlich legitimiert sein.« Doch der Clou liegt noch anderswo. So wird am Ende dieser Geschichte erzählt, Gott habe die Renitenz seiner Rabbinen mit dem Satz »Meine Söhne haben mich besiegt!« kommentiert. »Das ist antifundamentalistisch«, so Brumliks brisante aktuelle Interpretation dieses Ausspruchs. Vor allem aber bricht Gott nicht in Zorn über die Gelehrten aus. Im Gegenteil: »Gott lächelte«, heißt es, und so »menschlich« hat man den Höchsten wohl selten gesehen.

Beim nächsten Treffen des Lehrhauses steht die Wirtschafts- und Sozialethik aus jüdischer Perspektive auf dem Programm.

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Pressemittilung 9.3.2017

‚Das neue Stadthaus kann ein Ort spannender Debatten werden‘

Oberbürgermeister Peter Feldmann spricht bei der Auftaktveranstaltung der Reihe 'Jüdisch-Politisches Lehrhaus' im Stadthaus am Markt, 8. März 2017


 Foto Salome Roessler

Veranstaltungsreihe Jüdisch-Politisches Lehrhaus ist gestartet

(kus) Oberbürgermeister Peter Feldmann: „Mir ist es eine Herzensangelegenheit, die Veranstaltungsreihe ‚Jüdisch-Politisches Lehrhaus‘ an diesem Ort zu eröffnen und von Anfang an zu fördern. Zu Frankfurt gehört der Diskurs, und dieses Stadthaus hat das Potenzial, der neue Ort dafür zu werden. Ich wünsche mir den offenen Austausch aller weltanschaulichen Richtungen in unserer Stadt. Dazu gehört die Tradition des Jüdisch-Politischen Lehrhauses. Am Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt wirkten prominente Köpfe wie Martin Buber, Ernst Löwenthal und Siegfried Kracauer ebenso wie die jüdische Feministin Bertha Pappenheim und die Philosophin Margarete Susman. Sie alle haben zugleich das intellektuelle Leben Frankfurts mitgestaltet. Es ist eine stolze, es ist auch eine jüdische Tradition. Ob Börne, um gleich den berühmtesten Namen aus den Anfängen des kritischen und demokratischen Denkens in Deutschland zu nennen, ob Sonnemann, der legendäre Gründer der Frankfurter Zeitung und sein Enkel Heinrich Simon, der aus dieser Zeitung ein politisch waches und geistig-intellektuelles Forum machte. Ob Hugo Sinzheimer, der an der Weimarer Verfassung mitschrieb und als Vater des deutschen Arbeitsrechts gilt: Sie alle haben in Frankfurt etwas vom politischen Geist des Judentums eingebracht und damit an der demokratischen Tradition unserer Stadt mitgewirkt. An diese Tradition mit der Veranstaltung des Jüdischen Lehrhauses anzuknüpfen macht mich stolz. Mein Dank gilt Rabbinerin Klapheck, sie hat diesen erfolgreichen Auftakt ermöglicht.“

Rabbinerin Elisa Klapheck: „Wenn im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe über die jüdische Tradition gesprochen wird, dann muss das Label ‚jüdisch‘ beziehungsweise das, was als ‚Judentum‘ bezeichnet wird, bestimmten Kriterien genügen. Die jüdische Tradition ist nicht das Alte Testament – also die Bibel minus das Neue Testament, sondern die Folge eines dialektischen Prozesses zwischen dem, was Gott der Bibel zufolge will, und der kritischen Auseinandersetzung damit von Seiten der Menschen.

Diese Auseinandersetzung hat in der Antike die rabbinische Diskussionskultur geleistet. Ihr wichtigstes Werk ist der Talmud, der im 6. Jahrhundert fertig gestellt wurde. Die talmudischen Rabbinen haben das, was Gott in der Tora will, ernst genommen – und zugleich haben sie es, an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, mit der sie zurechtkommen mussten, gewogen. Damit schufen sie eine religiöse Tradition, die von vornherein, weil sie von der weltlichen Wirklichkeit her argumentiert, auch säkular ist.“

In seinem Vortrag sah Hauke Brunkhorst den Ursprung der jüdisch-politischen Tradition in der monotheistischen „Umbuchung“ des Königtums auf Gott. Damit wurde der politische König desakralisiert und die Heilsvorstellungen auf den monotheistischen Gott übertragen. Mit dieser neuen Spannung zwischen Politik und Heil begann, wie Rabbinerin Klapheck in der Diskussion hervorhob, die altisraelitische politische Tradition. Micha Brumlik zeigte anhand der talmudischen Geschichte über das Mehrheitsvotum gegen Rabbi Elieser, wie das Spannungsverhältnis zu einer inneren Demokratisierung des Rabbinerkollegiums führte.

Bezogen auf die heutige Auseinandersetzung zwischen Religion und Politik wurde anhand von talmudischen Zitaten gezeigt, dass die jüdisch-politische Tradition Prinzipien formulierte, um die Religion in der Beziehung zur politischen Wirklichkeit weiterentwickeln zu können.

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Rede von Rabbinerin Elisa Klapheck

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Peter Feldmann,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
 
ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Interessie für das heutige Thema gibt. Das zeigt mir, wie notwendig es ist, das Judentum in den allgemeinen gesellschaftlichen Dialog einzubeziehen. Vielen Dank, dass Sie alle zur Auftaktveranstaltung der Reihe „Jüdisch-Politisches Lehrhaus“ gekommen sind. Sie setzen damit ein wichtiges Zeichen!
Vielen Dank auch an das Jüdische Museum, das als Kooperationspartner mitwirkt – und an den Betreiber des Stadthauses - der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten e.V. zusammen mit Taste of Now. Ich sehe viele Gesichter, die mir bekannt sind – Menschen aus dem jüdischen Leben und solche, die ebenfalls zum jüdischen Leben dazugehören, auch wenn sie selbst keine Juden sind – und ich sehe noch mehr neue Gesichter – ich vermute, es sind Menschen, die wissen, dass in der jüdischen Tradition vieles steckt, was man als Allgemeinbürger kennen sollte – und deshalb einen Zugang dazu suchen.

 Foto Salome Roessler
 
Es erscheint deshalb mir notwendig, zunächst das Feld für die Themen dieser Reihe etwas genauer zu bestimmen. Nicht alles, was Juden machen, ist darum auch schon „jüdisch“ – oder: „jüdische Tradition“. Wenn im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe über die jüdische Tradition gesprochen wird, dann muss das Label „jüdisch“ beziehungsweise, das was als „Judentum“ bezeichnet wird, bestimmten Kriterien genügen. Nicht alles, was auf Italienisch gesungen wird, ist italienische Oper – und man muss auch nicht Italiener sein, um italienische Oper zu lieben – ebenso muss man nicht Grieche sein, um von der griechischen Philosophie her die Demokratie zu begründen. Genauso muss man auch nicht Jude sein, um die politische Tradition des Judentums zu bejahen. Ich verstehe ihr zahlreiches Erscheinen als ein Zeichen, dass eine Auseinandersetzung mit der politischen Tradition des Judentums allgemein erwünscht ist.

Im Sinne dieser Veranstaltungsreihe „Jüdisch-Politisches Lehrhaus“ möchte ich gleich am Anfang ein häufiges Missverständnis ausräumen. Die jüdische Tradition ist nicht das Alte Testament – also die Bibel minus das Neue Testament. Es ist ganz falsch zu meinen, die Hebräische Bibel sei schon das Judentum. Es stimmt, dass es ohne die Bibel kein Judentum gäbe – aber dieses ist nicht identisch mit dem Alten Testament, sondern die Folge eines dialektischen Prozesses zwischen dem, was Gott der Bibel zufolge will, und der kritischen Auseinandersetzung damit vonseiten der Menschen.
 
Diese Auseinandersetzung hat in der Antike die rabbinische Diskussionskultur geleistet. Ihr wichtigstes Werk ist der Talmud, der im 6. Jahrhundert fertig gestellt wurde. Die Grundlage der jüdischen Tradition ist danach eine Dialektik von Bibel und Talmud - beziehungsweise von Gottes Willen in der Tora und der durchaus kritischen Auseinandersetzung damit vonseiten der Rabbiner. Ohne diese Dialektik ist auch die politische Tradition des Judentums nicht zu verstehen.

Christen, die sich im jüdisch-christlichen Dialog engagieren, betonen zumeist, was die mit dem Judentum gemeinsam haben – das Alte Testament, also die Bibel minus das Neue Testament. Aber das was anders war, was anders ist: die rabbinische Kultur und der Talmud – bleibt bei der Betonung des Gemeinsamen im Nebel. Parallel zum Neuen Testament und dem Wirken der Kirchenväter hat sich die ganz anders gelagerte jüdische Tradition mit ihrer wichtigsten Grundlage – dem Talmud entwickelt.

Wie ich schon sagte, leistete die rabbinische Kultur eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit der Bibel – „Kritisch“ – das muss nicht in einem negativen Sinne verstanden werden; hier bedeutet es in einem konstruktiven Sinne – [griechisch: krinein = unterscheiden, trennen] - in einer konstruktive Spannung zur Bibel, in dem die Rabbiner anhand der gesellschaftlichen Wirklichkeit neue Akzente und eigene Ansichten gegenüber Gott einbringen.
Das Besondere an diesem Spannungsverhältnis – gerade wenn sie sich gegen Gott durchsetzten - war, dass sie die Beziehung mit ihm und seinen Forderungen deswegen keineswegs gebrochen haben – sondern gestärkt, indem sie ihm als ein immer selbstbewussteres Gegenüber begegneten. Darum wird es heute noch mehrfach gehen.
Die talmudischen Rabbinen haben das, was Gott in der Tora will, ernst genommen – und zugleich haben sie es, an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, mit der sie zurechtkommen mussten, gewogen. Damit schufen sie eine religiöse Tradition, die von vornherein, weil sie von der weltlichen Wirklichkeit her argumentiert, auch säkular ist.

Die jüdische Tradition ist religiös, indem sie zugleich säkular – weltlich ist.

Das aus dieser Dialektik gewachsene Judentum ist also keine ungebrochene Fortsetzung der Tora oder des Alten Testaments – sondern ein kritisch-konstruktiver Umgang mit den Ideen der Tora – eine kritische Spannung der Menschen zum Höchsten, zu Gott, der Transzendenz, wie immer man es nennen will – um die Position des Menschen in der Welt zu bestimmen. In dieser Dialektik ist nicht alles schon einmal gesagt worden, so dass das früher einmal, in der Bibel Gesagte nur in einem zeitgemäßen Gewande wiederholt werden muss. Vielmehr vermag sich die aus dieser Dialektik entstandene Tradition zu revidieren – jedoch in einem Prozess, der das Alte nicht verdrängt, sondern – das ist wichtig - als Teil der Dialektik mitnimmt und nachvollziehbar macht.
 
Die Mensch-Gott-Beziehung bleibt als eine dialektische Beziehung fortbestehen.
 
Diese Dialektik ist auch die Basis der politischen Tradition des Judentums.
 
Sie kann, weil sie anhand der jeweiligen gesellschaftlichen Herausforderungen konstruktiv-kritisch mit Gott umgeht – zugleich auch kritisch gegenüber dem sein, was gerade in der Gesellschaft geschieht. Deshalb ist sie auch kritisch gegenüber Autoritäten eingestellt – was nicht feindselig bedeuten muss – konstruktiv-kritisch eben. Sie kann aus der dialektischen Beziehung heraus Dinge benennen, erkennen – aber nicht, indem das Verhältnis zu Gott aufgekündigt wird, sondern sich in der Dialektik weiter entwickelt.
 
Nach der religiös-säkularen Auffassung, die ich wohl mit den meisten Juden teile, ist der Bund, der am Sinai geschlossen wurde, kein vergangenes historisches Ereignis in der Tora – sondern besteht in neuen Formen, und gerade auch im säkularen Bewusstsein weiter. Die vielen Juden, die sich in der Gesellschaft politisch engagieren, tun dies oft aus genau dieser religiös-säkularen Bindung – also einem Selbstverständnis, dass sich Gott verpflichtet weiß, und zugleich neue Akzente und Vorstellungen setzt. Diese politische Tradition des Judentums, das ist meine Überzeugung, war immer anteilig an der Geschichte Europas – vor allem in den großen demokratischen Schüben – wirksam. Sei es vermittelt über das Christentum, sei es in säkularen Distanzierungen vom Christentum, die wieder an das jüdische religiös-säkulare Erbe anknüpften und es wirksam werden ließ.
 
So wurde die biblische Geschichte vom Exodus der israelitischen Sklaven aus Ägypten zur Blaupause für alle Revolutionen in Europa – wie Michael Walzer dargestellt hat. Und der Bundesschluss am Sinai inspirierte viele historische Verfassungsdebatten. Weiter zeichnete die rabbinisch-talmudische Diskussion über die menschliche Ebenbildlichkeit Gottes unsere heutige Vorstellung von der Menschenwürde.
 
Es gibt mittlerweile eine neue Generation von Autoren, die das politische Erbe der jüdischen Tradition endlich benennt. Zum Beispiel Eric Nelson, der in seinem Buch „The Hebrew Republic“ (Die Hebräische Republik) darlegt, wie die Denker in England und den Niederlanden ab dem 16./17. Jahrhundert von der jüdischen Rechtstradition inspiriert wurden – und so die Republik, Reformen, Religionsfreiheit begründeten.
Es spricht für sich, dass den Protagonisten dieser revolutionären Entwicklungen, auch wenn sie keine Juden waren, allzu oft vorgeworden wurde, zu „judaisieren“ – Judenknechte zu sein – wie David Nirenberg in seinem wichtigen Buch „Anti-Judaismus“ darlegt. Das lag nicht nur daran, dass ihre Revolutionen, die gleiche Rechte für alle Menschen verlangten, jeweils auch auf die Gleichberechtigung der Juden hinausliefen, sondern weil ihre Gegner genau wussten, dass hier ein politisches Erbe des Judentums zum Tragen kam.

Mein Wunsch ist es, mit dieser Reihe den Anteil der jüdisch-politischen Tradition sichtbar zu machen – wie er unsere demokratische Gesellschaft mitgeschaffen hat und immer noch mitgestaltet.

Bei der Konzeption dieser Veranstaltungsreihe dachte ich an das Lehrhaus – nicht nur das von Franz Rosenzweig, sondern das Lehrhaus, das von Anfang an zur rabbinischen Kultur gehörte. Das bedeutet, dass es nicht nur frontale Vorträge gibt, sondern hier ein Diskurs entstehen soll, bei dem wir alle durch die Auseinandersetzung mit dem Thema lernen. In Übereinstimmung mit den beiden Referentin habe ich einige Zitate aus dem Talmud zusammengestellt, die im Laufe des Abends eine Rolle spielen.
 
Zwei Aussagen des talmudischen Gelehrten Samuel, der im 3. Jahrhundert in der Stadt Nehardea lebte:
Heutige moderne Juden sehen in ihm einen Ausgangspunkt für die Emanzipation der Juden in der Diaspora und eine säkulare Auffassung.

1)
Dina deMalchuta Dina = „Das Gesetz der Regierung ist das Gesetz“ - auch für die Juden,
(Malchuta = Regierung, Land, Königreich, Staat)
Das Diktum kommt vielmal im Talmud vor (Ned 28a, Git 10b, BK 113a, BB 54b/55a)
und mindestens 25 Mal im Schulchan Aruch. Es bedeutet, dass Juden die Gesetze des Landes aktzeptieren, zugleich aber ihre eigene Rechtstradition haben. Sie wirken mit am Staat – und sind zugleich, aufgrund ihrer eigenen Rechtstradition an einen Diskurs mit Gott gebunden - was sich wiederum in einer kritischen Dialektik zum Staat spiegelt. Diese Einstellung ist, wenn Sie so wollen, auch eine Bedingung für die Demokratie.
 
2)
Das zweite Zitat von Samuel entstammt der großen talmudischen Debatte über den Messias. Was können wir von der messianischen Zeit - also der besseren kommenden Welt - erwarten? Ist es eine Welt nach der Welt? Ist es eine Welt, die schon jetzt im Werden ist, die wir durch richtiges Verhalten, das Befolgen der göttlichen Gebote und Gesetze, selber verwirklichen? Oder kommt sie allein durch göttliche Entscheidung? Durch eine Apokalypse? Die abrupte Ankunft eines Messias? Oder im Wege der kleinen Schritte?
Samuel nahm in dieser Debatte eine äußerst reservierte Haltung ein. Er warnte vor Illusionen und sagte:
"Es gibt keinen anderen Unterschied zwischen dieser Welt und den messianischen Tagen, als die Knechtschaft der Regierungen, denn es heißt: 'nie wird der Dürftige im Lande aufhören' (Deu. 15,11)." (Schabbat 63a) - Das heißt, dass wir auch in der messianischen Zeit immer noch werden arbeiten müssen. Nur die Herrschaft wird aufhören - wir werden keine Herren mehr über uns haben.

Über diese zwei Zitate von Samuel werde ich im Anschluss an das Statement von Hauke Brunkhorst mit ihm diskutieren. Sodann folgt ein Statement von Micha Brumlik über die talmudische Geschichte des Ofen von Achnai und die Demokratisierung des rabbinischen Lehrhauses (Baba Mezia 59a-b). Am Ende, wenn hoffentlich noch Zeit ist, werden wir hierüber mit dem Publikum diskutieren.

Schon jetzt bedanke ich mich für Ihr großes Interesse, worin ich ein gutes Vorzeichen für die Reihe "Jüdisch-Politisches Lehrhaus" sehe.


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Auftaktveranstaltung
JÜDISCH-POLITISCHES LEHRHAUS
 
„Die politische Tradition des Judentums“
Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck diskutiert mit
Prof. Dr. Micha Brumlik und Prof. Dr. Hauke Brunkhorst
Schirmherr und Grußwort OB Peter Feldmann
 
8. März 2017, 19.30 Uhr
Stadthaus am Markt (gegenüber vom Dom)
Markt 1, 60311 Frankfurt

 
Am Mittwoch, den 8. März beginnt im unlängst fertiggestellten Stadthaus am Markt die Reihe „Jüdisch-Politisches Lehrhaus“. Es diskutiert die Frankfurter Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck mit Prof. Dr. Micha Brumlik und Prof. Dr. Hauke Brunkhorst. Der Frankfurter OB Peter Feldmann ist Schirmherr der Reihe und wird ein Grußwort halten.
 
Die Veranstaltungsreihe knüpft an die jüdische Tradition Frankfurts an. Zu ihr zählten das von Franz Rosenzweig gegründete Freie Jüdische Lehrhaus ebenso wie zahlreiche bedeutende politische und jüdisch-religiöse Denker, die die Demokratie und den modernen Rechtsstaat prägten.
 
Das Thema dieser ersten Veranstaltung ist „Die politische Tradition des Judentums“. Sie fußt auf Gerechtigkeitsvorstellungen in der Bibel, talmudischen Ansprüchen an das Gemeinwesen sowie einer jüdischen Pflicht zu bürgerschaftlichem Engagement. Was kann sie für unsere Stadt heute bedeuten?
 
Die Veranstaltung findet statt in Kooperation mit dem Jüdischen Museum und dem Verein Torat HaKalkala - Verein zur Förderung der angewandten jüdischen Wirtschafts- und Sozialethik e.V.
 

Zu den Referenten
 
Micha Brumlik ist einer der bedeutendsten jüdischen Gegenwartsdenker in Deutschland und Autor zahlreicher Veröffentlichungen über die politische Tradition des Judentums, darunter „Kritik des Zionismus“ (2007), „Vernunft und Offenbarung“ (2010) und „Messianisches Licht und Menschenwürde. Politische Theorie aus Quellen jüdischer Tradition“ (2013).
 
Hauke Brunkhorst steht in der Tradition der kritischen Theorie und der Frankfurter Schule. Seine Publikationen beziehen gerade auch den jüdischen Anteil der politischen Ideengeschichte ein, etwa in „Einführung in die Geschichte politischer Ideen“ (2000) und „Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft“ (2002). Sein jüngstes Buch ist „Das doppelte Gesicht Europas - Zwischen Kapitalismus und Demokratie“ (2014). 

Elisa Klapheck ist Rabbinerin und engagiert sich für eine jüdisch motivierte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Politik und jüdischer Tradition. Ein Forum hierfür ist die von ihr herausgegebene Schriftenreihe „Machloket / Streitschriften“ mit den Bänden „Säkulares Judentums aus religiöser Quelle“ (2015) und „Bürgerschaftliches politisches Engagement als jüdische Praxis“ (2016).



Hauke Brunkhorst, Elisa Klapheck, Micha Brumlik
Foto Abraham de Wolf